Heilpflanzen, Heilpilze und die Macht der Pharmaindustrie: Wer entscheidet, was Medizin sein darf?

Von der geschredderten Arzneimittelliste bis zum vergessenen Pilzwirkstoff – wie Lobbyeinfluss, Patente und Profitaussichten mitbestimmen, was erforscht wird.

„Heißt das denn, dass die Lobby wirklich so stark war dann – die Pharma-Lobby gegen die Politik – und Sie quasi dann da zurückziehen mussten?“

„Ja, das ist so.“

Eine bemerkenswert deutliche Antwort. Erst recht, wenn sie von einem ehemaligen Bundesgesundheitsminister stammt. Horst Seehofer gab sie 2006 vor laufender Kamera. Von 1992 bis 1998 hatte er als Minister an den Hebeln der Gesundheitspolitik gesessen, er kannte die Verbände, die Verhandlungen und die Machtspiele aus nächster Nähe. Und offenbar wusste er ziemlich genau, wovon er sprach.

Zugegeben, diese Worte sind schon eine ganze Weile her. Doch haben sie deshalb an Brisanz verloren? Oder besitzen sie heute vielleicht sogar mehr Sprengkraft denn je? Denn dahinter steckt eine Frage, die bis heute kaum jemand gern beantwortet: Wer bekommt eigentlich die Chance, als Medikament erforscht zu werden? Und wer bleibt auf der Strecke, lange bevor überhaupt eine klinische Studie beginnt?

Die Antwort ist weder so bequem wie „Die Industrie entscheidet alles“ noch so beruhigend wie „Am Ende zählt allein die Wissenschaft“. Die Spur führt von einem geschredderten Stück Papier ins Kanzleramt, von dort in die Labore der Konzerne – und schließlich zu einem Pilz, den jedes Kind aus dem Märchenbuch kennt – und zu der Frage, warum die Fliegenpilz-Forschung bis heute so dünn ist. Schauen wir genauer hin.

Konfetti zum Geburtstag

Ein geschreddertes Stück Papier. Zwei gut gelaunte Männer. Und ein politischer Streit, bei dem es um viel Geld ging.

Bonn, im Mai 1995. Hans Rüdiger Vogel, Chef des Bundesverbandes der Pharmazeutischen Industrie (BPI), feiert seinen 60. Geburtstag. Zu den Gratulanten gehört Baldur Wagner, Staatssekretär im Gesundheitsministerium – Seehofers Mann. Sein Geschenk: ein Projekt des eigenen Hauses, die Arzneimittel-Positivliste. „Zu Konfetti geschreddert“.

Dabei klang die Idee eigentlich ziemlich vernünftig. Die Krankenkassen sollten nur noch Medikamente bezahlen, deren Nutzen ausreichend belegt ist. Verboten werden sollte nichts – es ging allein darum, welche Mittel die Allgemeinheit bezahlt. Doch damit betritt man in der Gesundheitspolitik ein Minenfeld. Ob die Kasse zahlt oder der Patient selbst, kann über den wirtschaftlichen Erfolg eines Präparats entscheiden. Für Hersteller war das alles andere als eine Kleinigkeit.

Die SPD hatte die Liste 1993 zur Bedingung für ihre Zustimmung zu Seehofers großer Gesundheitsreform gemacht. Anfang 1995 lag der Entwurf auf dem Tisch, die Union nannte ihn „groben Unfug“. Im Mai war die Liste faktisch tot – und landete pünktlich zum Geburtstag im Schredder.

Bild mit Zitat von Horst Seehofer: „Ja, das ist so.“

Ein Kronzeuge mit Vorgeschichte

Der Mann, der 2006 über die Macht der Lobby klagte, hatte die Liste als Minister selbst für „absolut entbehrlich“ gehalten – so jedenfalls gab ihn damals der englischsprachige Fachdienst The Pharma Letter wieder. Seine Argumente: Einsparungen seien nicht zu erwarten, chronisch Kranke müssten womöglich selbst zahlen, manchen Herstellern drohe das Aus. Es waren im Kern dieselben Argumente, die auch die Pharmaverbände vorbrachten. Das muss nichts heißen: Ein Einwand kann berechtigt sein und trotzdem denen nützen, die ihn am lautesten vortragen.

2001, längst nicht mehr im Amt, saß Seehofer auf dem Podium der BPI-Hauptversammlung. Rot-Grün arbeitete gerade an einer neuen Positivliste, der Verband warnte, sie werde „keinerlei Wirtschaftlichkeitseffekte erzielen“. Seehofer prophezeite, die neue Liste werde in spätestens zwei Jahren „geschreddert“. Er sollte recht behalten: Sie kam nie.

Das unabhängige Fachblatt „Der Arzneimittelbrief“ fand für die Szene von 1995 später deutliche Worte: „Die Politik hat sich in einem peinlichen öffentlichen Schauspiel den Wünschen der Industrie gebeugt.“

Und dann, 2006, das Interview mit dem ZDF-Magazin Frontal21. Zunächst klingt Seehofer noch ganz staatsmännisch. Eine Positivliste dürfe nicht danach bestellt werden, „wer die stärkste Lobby hat“, sie müsse wissenschaftlich sauber gemacht werden. Das sei in überschaubarer Zeit nicht möglich gewesen, „und deshalb haben wir sie dann beerdigt“. Dann kommt die Nachfrage. Und das „Ja, das ist so“, samt Nachsatz: „seit 30 Jahren bis zur Stunde“. Auf den Einwand, die Industrie könne doch nicht stärker sein als die Politik, sagt er nur noch: „Ja, ich kann Ihnen nicht widersprechen.“

Was stimmt denn nun? Die Argumente des Ministers von 1995 oder das Eingeständnis von 2006? Vielleicht beides. Wo bei einem Minister die eigene Überzeugung aufhört und der Druck anfängt, lässt sich von außen schwer sagen.

Ein Angebot, das man nicht ablehnt?

Man könnte das alles als Anekdote aus der Bonner Republik abheften. Wäre da nicht der Herbst 2001.

Die Arzneimittelausgaben der Kassen steigen, und Gesundheitsministerin Ulla Schmidt will bestimmte Medikamente per Gesetz zwei Jahre lang um vier Prozent billiger machen. Das trifft vor allem die großen forschenden Pharmakonzerne. Doch statt auf die Barrikaden zu gehen, machen sie ein Angebot: Sie zahlen den Kassen freiwillig Geld, wenn der Preisabschlag dafür in der Schublade verschwindet. Die Apotheker sprechen von „modernem Ablasshandel“.

Dann wird es Chefsache, Kanzler Gerhard Schröder schaltet sich ein. Am Ende ist der Abschlag vom Tisch, und die Industrie überweist einmalig 200 Millionen Euro. Das Deutsche Ärzteblatt schrieb später trocken, die Branche habe sich „freigekauft“.

Ein Einzelfall blieb das nicht. Im Sommer 2004 saßen Vertreter der Pharmaindustrie erneut mit Kanzler Schröder zusammen, diesmal ging es im Streit um die Arzneimittel-Festbeträge um Zugeständnisse. Kritiker tauften die Treffen „Bordeaux-Runden“.

Wer die Pharmaindustrie kritisiert, landet schnell zwischen zwei Lagern. Die einen wittern hinter jeder Entscheidung eine geheime Absprache. Die anderen tun jede Frage nach Geld und Macht als Verschwörungstheorie ab. Beides macht es zu einfach. Und man muss sich auch nicht durch fragwürdige Internetforen wühlen, die Kritik steht längst schwarz auf weiß bei der Bundeszentrale für politische Bildung. Dort schreibt der Gesundheitswissenschaftler Michael Simon, der Verband der forschenden Arzneimittelhersteller habe „über eine Intervention beim damaligen Bundeskanzler“ erreicht, dass ein geplantes Gesetz „in zentralen Punkten im Sinne der Pharmaindustrie geändert wurde“.

Lobbyarbeit gehört zur Demokratie, auch Unternehmen dürfen ihre Interessen vertreten. Die Frage ist, wer dabei an welchem Tisch sitzt. Finanzstarke Verbände haben Personal, Netzwerke und kurze Wege ins Kanzleramt. Patienten, unabhängige Wissenschaftler und kleine Organisationen müssen oft erst darum kämpfen, überhaupt gehört zu werden.

Fair bleiben muss man trotzdem. Simon schreibt auch, dass der Einfluss des Verbands seither gelitten hat. Beim Arzneimittelmarktneuordnungsgesetz (AMNOG), das seit 2011 den Nutzen neuer Medikamente prüfen und ihre Preise verhandeln lässt, zog die Branche den Kürzeren. Politik kann also, wenn sie will. Wie oft sie will, ist eine andere Frage.

Zeitstrahl zum Streit um die Arzneimittel-Positivliste von 1993 bis 2011

Kritik aus den eigenen Reihen

Wer das alles für Kritik aus der alternativen Gesundheitsszene hält, sollte sich anhören, was renommierte Mediziner sagen. Und zwar nicht irgendwelche, sondern solche, deren Beruf es war, Medikamente kritisch zu prüfen.

Wolf-Dieter Ludwig ist Krebsarzt und war lange Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft. Dieses Gremium ist so etwas wie das wissenschaftliche Gewissen der Ärzteschaft in Arzneifragen: Es bewertet unabhängig von Herstellern, welche Medikamente Patienten tatsächlich helfen und welche Risiken sie mitbringen. Ludwig weiß also, wovon er spricht, wenn er Zulassungen und Studiendaten beurteilt.

Im Interview mit dem Verband der Ersatzkassen nahm er 2019 kein Blatt vor den Mund. Neue Medikamente würden vor allem für Gebiete zugelassen, die „besonders lukrativ“ sind, anderswo werde die Forschung „eher heruntergefahren“. Und, nach eigenen Worten „bewusst provokativ“: Das hohe Preisniveau in diesen Gebieten hätten die Konzerne „wahrscheinlich auch durch interne Absprachen“ durchgesetzt.

Was heißt das für Laien? Ein Unternehmen forscht dort, wo sich die Investition am ehesten auszahlt. Das ist aus Firmensicht nachvollziehbar. Nur deckt sich der größte Gewinn nicht automatisch mit dem größten medizinischen Bedarf. Eine seltene Krankheit mit hohen Therapiepreisen kann für Investoren attraktiver sein als ein weit verbreitetes Leiden, für das es schon billige Mittel gibt.

Gerd Antes leitete über 20 Jahre das Deutsche Cochrane-Zentrum. Cochrane ist ein internationales Netzwerk, das alle verfügbaren Studien zu einer Behandlung zusammenträgt und auswertet, um herauszufinden, was wirklich wirkt. Für diese Arbeit ist eines entscheidend: dass man auch wirklich alle Studien zu sehen bekommt.

Grafik: Wenn nur positive Studien veröffentlicht werden, wirkt ein Medikament besser, als es ist

Genau da setzt seine Kritik an. Ein Interview mit ihm erschien 2011 unter dem Titel „Klinische Studien werden bewusst zurückgehalten“. Das Problem lässt sich an einem einfachen Bild erklären: Wird ein Medikament in zehn Studien getestet, zeigen fünf einen Nutzen und fünf keinen, aber nur die fünf positiven werden veröffentlicht – dann sieht die Fachwelt ein Mittel, das scheinbar immer wirkt.

Was in der Schublade verschwindet, fehlt später, wenn Ärzte und Patienten entscheiden müssen. Ein Medikament kann so wirksamer oder sicherer erscheinen, als es die Gesamtheit der Daten hergibt.

Keiner der beiden ist ein Gegner moderner Medizin. Der industriefinanzierten Forschung verdanken wir zahlreiche lebenswichtige Arzneimittel. Gerade deshalb verlangen beide, dass Ergebnisse vollständig überprüfbar sind und Interessenkonflikte offenliegen. Vertrauen entsteht nicht durch Schweigen über Geld, sondern durch Transparenz.

Ausgerechnet Naturstoffe

Stellen wir uns einmal vor, zwei Wirkstoffe liegen auf dem Tisch. Der eine lässt sich patentieren und verspricht über Jahre satte Einnahmen. Der andere ist seit Jahrzehnten bekannt, billig herzustellen und kaum zu schützen. Für welchen findet sich wohl ein Investor, der Millionen in Studien steckt?

Ganz so schwarz-weiß ist es allerdings nicht. Die oft gehörte Behauptung, Naturstoffe ließen sich grundsätzlich nicht patentieren, ist zu pauschal. Bestimmte Herstellungsverfahren, Darreichungsformen oder neue medizinische Anwendungen können durchaus geschützt werden. Entscheidend ist, ob sich eine Entwicklung lange genug wirtschaftlich absichern lässt, um die hohen Studienkosten wieder hereinzuholen.

Wie die Branche damit umgeht, beschreibt der Naturstoffforscher John A. Beutler vom US-amerikanischen National Cancer Institute in einer Übersichtsarbeit: Die Naturstoffforschung in der Pharmaindustrie ist über zwei Jahrzehnte zurückgegangen, Merck, Pfizer und Bristol Myers Squibb haben ihre hauseigenen Programme geschlossen. Ausgerechnet Naturstoffe, obwohl einige der wichtigsten Arzneimittel der modernen Medizin aus der Natur stammen. Die Gründe sind vielfältig. Naturstoffe sind aufwendig zu isolieren und passen schlecht in automatisierte Testverfahren. Unterm Strich geraten sie so leicht ins Hintertreffen.

Dass es auch anders geht, zeigt das Krebsmittel Paclitaxel aus der Pazifischen Eibe. Es wurde zu einem der wichtigsten Chemotherapeutika. Seine lange, unsichere Anfangsforschung hat allerdings ein staatliches Programm bezahlt, nicht ein Konzern.

Das Problem ist nicht auf Deutschland oder auf Naturstoffe beschränkt. Selbst die Weltgesundheitsorganisation hält in einem Bericht von 2024 fest, dass wegen begrenzter finanzieller Anreize nur wenige neue Medikamente gegen vernachlässigte Tropenkrankheiten entwickelt werden. Bei Kindern ist die Lücke besonders groß: In einer WHO-Auswertung bezogen nur neun von 82 Studien zur Dosierung überhaupt Kinder ein. Und ihr Global Observatory on Health R&D mahnt, Forschungsentscheidungen nicht allein den Marktkräften zu überlassen. Das ist kein Beleg dafür, dass Heilpflanzen oder Heilpilze gezielt benachteiligt werden. Aber es zeigt: Medizinischer Bedarf allein öffnet noch keine Forschungskasse.

Wie das im Alltag aussieht, zeigt Ketamin.

Das alte Narkosemittel ist längst patentfrei und spottbillig – und kann, wie Forscher vor über 20 Jahren entdeckten, auch schwere Depressionen rasch lindern. Für eine reguläre Zulassung hätte es große Studien gebraucht. Doch es fand sich niemand, der sie im nötigen Umfang bezahlte.

Stattdessen kam eine patentgeschützte Variante als Nasenspray auf den Markt. Ein australisches Forscherteam hat 2023 nachgezeichnet, wie es dazu kam. Die beiden Präparate sind nicht identisch, doch die Autoren sehen Hinweise, dass das „alte“ Ketamin mindestens ebenso gut wirkt; einen direkten Vergleich hat für die Zulassung nie jemand verlangt.

Beim Preis ist der Abstand dagegen eindeutig: Eine Dosis des Sprays kostet in Australien laut dem George Institute, an dem die Studie entstand, 600 bis 900 Dollar, eine Dosis generisches Ketamin liegt hingegen bei nur 5 bis 20 Dollar.

Ein bemerkenswerter Preisunterschied.

Preisvergleich: patentiertes Esketamin-Nasenspray gegen generisches Ketamin

Zwei Pilze, zwei Karrieren

Und damit kommen wir zu den Pilzen.

Zwei psychoaktive Pilzwirkstoffe tauchten fast gleichzeitig in den Laboren auf. Ende der 1950er-Jahre isolierte der Schweizer Chemiker Albert Hofmann das Psilocybin aus mexikanischen Pilzen, Mitte der 1960er-Jahre folgte das Muscimol aus dem Fliegenpilz, Amanita muscaria. Gleicher Start, völlig unterschiedliche Karrieren.

Am Pilz selbst kann das kaum liegen. Zwar lässt sich der Fliegenpilz, anders als psilocybinhaltige Arten, nicht einfach züchten, weil er auf eine Lebensgemeinschaft mit Baumwurzeln angewiesen ist. Doch beide Wirkstoffe lassen sich längst synthetisch herstellen.

Psilocybin erlebt gerade ein beachtliches Comeback. Eine 2023 im Fachjournal JAMA veröffentlichte Studie mit 104 Menschen mit Depression fand eine deutlich stärkere Linderung als in der Vergleichsgruppe. Ein Wundermittel ist Psilocybin deshalb noch lange nicht, viele Fragen zu Langzeitwirkung, Sicherheit und Begleitung sind offen. Interessant ist aber, wer mitverdienen will. Das britische Unternehmen Compass Pathways hält in den USA Patente auf eine bestimmte kristalline Form von synthetischem Psilocybin. Kritiker bestritten, dass diese Kristallform überhaupt neu ist. Das zuständige US-Patentgremium lehnte eine Überprüfung der Patente ab und bestätigte das 2023 noch einmal. Geschützt ist damit nicht Psilocybin an sich, sondern nur diese eine Form. Der Naturstoff gehört niemandem, das Geschäft soll mit der geschützten Variante laufen.

Und Muscimol? Die Substanz ist für die Wissenschaft kein unbeschriebenes Blatt. Sie wirkt ganz anders als Psilocybin, nämlich an den GABA-A-Rezeptoren, quasi den Bremsen im Gehirn. Aus den Psilocybin-Ergebnissen lässt sich deshalb nichts über Muscimol ableiten. Ende der 1970er-Jahre wurde es auch an Menschen getestet. Bei Schizophrenie enttäuschte es: kein überzeugender Effekt, dafür Nebenwirkungen. Bei acht Patienten mit Spätdyskinesien, unwillkürlichen Bewegungen als Folge von Psychopharmaka, linderte es die Beschwerden dagegen durchweg. Ein vertuschter Durchbruch? Nein. Aber auch kein Fall für die Ablage.

Zeitstrahl zur Forschungsgeschichte von Psilocybin und Muscimol aus dem Fliegenpilz

So weit kam nur der Verwandte

Spannend wird es an anderer Stelle. Denn die Industrie hat sich sehr wohl für Muscimol interessiert. Nur eben nicht für Muscimol selbst.

1977 beschrieb Poul Krogsgaard-Larsen die Synthese eines im Labor nach dem Vorbild von Muscimol entworfenen Verwandten: Gaboxadol. Darauf hielt das dänische Pharmaunternehmen Lundbeck ein Patent. Gemeinsam mit dem US-Konzern Merck brachte Lundbeck Gaboxadol als Schlafmittel bis in Phase III, die letzte und teuerste Studienphase vor einer Zulassung. 2007 kam der Abbruch: Das klinische Gesamtprofil rechtfertige keine Weiterentwicklung, hieß es in der Pressemitteilung.

Gaboxadol ist also gescheitert, und das mahnt durchaus zur Vorsicht. Es zeigt aber auch, wie die Weichen gestellt werden. Der patentierbare Verwandte bekam ein Entwicklungsprogramm bis in die letzte Studienphase. Der Naturstoff, der ihm als Vorlage diente, bekam keines.

Warum Muscimol selbst liegen blieb, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Vielleicht waren die frühen Daten zu dünn, vielleicht passte das Sicherheitsprofil nicht, vielleicht schienen andere Wirkmechanismen aussichtsreicher. Die Versuchung ist groß, alles auf fehlende Gewinnaussichten zu schieben, belegen lässt sich das aber nicht. Ganz vergessen war Muscimol in der Klinik allerdings nicht. Ab dem Jahr 2000 prüfte das US-Neurologieinstitut NINDS in einer frühen klinischen Studie (Phase I), ob sich Muscimol, direkt ins Gehirn geleitet, bei schwer behandelbarer Epilepsie sicher anwenden lässt und Anfälle unterdrückt. Vorgesehen waren rund 20 Teilnehmer. Fest steht trotzdem: Mit dem Aufwand, den sein patentierter Verwandter bekam, hat Muscimol nie jemand geprüft.

Fliegenpilz Masterguide von MamaMuscaria – Buch über Amanita muscaria mit Hintergrundwissen zu Inhaltsstoffen, wissenschaftlicher Forschung, Kulturgeschichte und dokumentierten Erfahrungen.

Die Lücke in der Fliegenpilz-Forschung füllen derzeit andere. Die Ärztin Baba Masha hat die Erfahrungen von mehr als 3.000 Menschen mit Amanita muscaria gesammelt und in einem Buch über Fliegenpilz Microdosing veröffentlicht – eine Befragung von zahlreichen Freiwilligen, jedoch keine kontrollierte Studie.

Die Psychologin Nora Mamblona Fischer untersucht im Rahmen ihrer Doktorarbeit mit einer retrospektiven Beobachtungsstudie ebenfalls die Erfahrungen mit niedrig dosiertem Fliegenpilz. Das ersetzt keine klinischen Studien. Aber die Fragen sind offen, und es gibt Menschen, die sie stellen.

Auch wir haben uns diesen Fragen gewidmet, und dabei haben wir ein eigenes Interesse, das sagen wir offen. Aus unserer monatelangen Recherche entstand unser Buch, der Fliegenpilz Masterguide. Es bündelt Studienlage, Inhaltsstoffe, Kulturgeschichte, Tradition und dokumentierte Erfahrungen rund um Amanita muscaria – als Nachschlagewerk, nicht als Gebrauchsanweisung.

Wer entscheidet, was Medizin sein darf?

Am Anfang stand ein Satz von Horst Seehofer: „Ja, das ist so.“ Vier Wörter von einem Mann, der die Liste, um die es ging, selbst mit beerdigt hatte.

Die geschredderte Positivliste, der Deal im Kanzleramt, die Warnungen aus der Ärzteschaft, die geschlossenen Naturstofflabore, das teure Nasenspray, der patentierte Verwandte des Muscimols: Jede dieser Geschichten lässt sich für sich erklären. Zusammen werfen sie eine Frage auf. Welche Medikamente erforscht werden, entscheidet offenbar nicht allein die Wissenschaft. Patente, Investoren und politischer Einfluss reden mit. Wie laut, darüber lässt sich streiten.

Natürlich ist nicht jede industriefinanzierte Studie verdächtig und nicht jeder vergessene Naturstoff ein unterdrücktes Wundermittel. Aber es wäre ebenso naiv zu glauben, dass Forschung immer dort stattfindet, wo der Bedarf am größten ist. Das eigentlich Unbequeme daran: Wir wissen nicht einmal, wie viele Ansätze nie geprüft wurden – und ob sie nicht funktioniert hätten oder ob schlicht niemand die Rechnung zahlen wollte.

Geht es bei all diesen Entscheidungen zuerst um die Gesundheit der Patienten – oder zu oft um die Gesundheit der Bilanzen? Die Antwort hängt davon ab, welche dieser Geschichten man für die Ausnahme hält und welche für die Regel. Die Quellen liegen offen. Urteilen Sie selbst.


Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und Bildung. Er ersetzt keine medizinische Beratung und ist keine Empfehlung, einen der genannten Stoffe, Pilze oder Arzneimittel einzunehmen. Der Fliegenpilz (Amanita muscaria) und seine Inhaltsstoffe können psychoaktiv wirken und Vergiftungen verursachen; die US-Behörde FDA stuft sie für Lebensmittel nicht als sicher ein. Bei Verdacht auf eine Vergiftung wenden Sie sich sofort an einen Arzt oder eine Giftnotrufstelle.

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